4 Gründe, warum ich meinem inneren Schweinehund dankbar sein sollte

Son of a BitchMan hat ihn schon vieles genannt: Trägheit, Willensschwäche, Faulheit – nicht gerade ruhmreiche Bezeichnungen. Es gibt ein solches Überangebot an Tipps, Kursen oder Blogs zur Bekämpfung des „inneren Schweinehunds“, dass es scheint, als hätte ihn wirklich jeder. Mir stellt sich dabei die Frage: Wenn der innere Schweinehund ein Phänomen ist, das bei Millionen von Menschen auftritt – hat er dann nicht auch irgendeinen Sinn? Kann uns der innere Schweinehund nicht auch von Nutzen sein? Und ich kann euch feierlich mitteilen: Ja, er kann! Damit ihr euch also nächstes Mal, wenn ihr euch zu etwas nicht aufraffen könnt, nicht gleich in Selbstvorwürfen ergeht, stelle ich euch hier 4 Gründe vor, warum ihr dankbar sein könnt, euren inneren Schweinehund zu haben:

1. Dem Perfektionismus ein Schnippchen schlagen 

Das augenscheinlichste Symptom, bei dem du sicher sein kannst, dass dein innerer Schweinehund zugeschlagen hat, ist: Das „nicht rechtzeitig Aufraffen“. Und das soll irgendjemandem von Nutzen sein? Ja. Bei Perfektionisten und Kontrollfreaks trägt der Schweinehund etwas sehr Wichtiges bei: Nämlich Begrenzung.

Manche neigen dazu, aus Angst, etwas nicht perfekt zu machen, viel mehr Aufwand und Kontrolle in ihre Tätigkeiten zu stecken als der normale Durchschnittsmensch. Das Ergebnis ist dann auch tatsächlich erste Sahne: Es ist nicht nur alles erledigt, sondern sogar mehr als ursprünglich erforderlich. Da gibt es absolut nichts mehr zu meckern. Bis zu diesem Ergebnis haben diese Menschen allerdings schlecht geschlafen und sehr viel Zeit investiert. Dann sehen sie sich um und stellen fest, dass ihre Kollegen nur einen Bruchteil ihres Einsatzes gezeigt haben und ihre Vorgesetzten oder Kollegen vielleicht trotzdem zufrieden mit ihnen sind. Daneben hatten sie noch Zeit für Freunde, Familie, Freizeit – Dinge, die ihnen gut tun.

Damit das nicht passiert, greift bei manchen der innere Schweinehund ein: Gerade Menschen, die dazu neigen, stets unzufrieden mit ihrer eigenen Leistung zu sein und lieber doch noch ein hundertstes Mal alles überprüfen, bewahrt der innere Schweinehund vor einer manchmal langen Phase voller Selbstzweifel und schlaflosen Nächten. Wie? Er bringt dich dazu, viel zu spät anzufangen, so dass dir für Perfektionismus keine Zeit mehr bleibt. Dann bist du gezwungen, dich auf das Wesentliche zu beschränken. Sollte dann die Resonanz auf deine Leistung einmal nicht so toll ausfallen, hast du außerdem die Möglichkeit, dir zu denken: Wenn früher angefangen hätte, wäre es sicher super geworden.

Und noch etwas: Aus nichts lässt sich so gut lernen wie aus Fehlern. Nur durch Fehler erkennst du, was nötig ist, um etwas gut zu machen. Hast du etwas übersehen oder falsch interpretiert, weißt du beim nächsten Mal bereits, was richtig ist – ohne vor lauter Versagensängsten gleich dreimal so viel zu arbeiten wie nötig. Wenn du aus Angst heraus immer gleich 300% ablieferst, wirst du nie erfahren, was die entscheidenden 100% sind. Durch deine Fehler erkennst du im Laufe der Zeit, wie du effizienter arbeiten kannst. Und du lernst, Fehler entspannter zu machen. Denn mal ehrlich: Niemand reißt dir den Kopf ab, wenn du nicht perfekt bist. Wer ist schon perfekt?

 2.Warum mache ich das eigentlich?

Diese Frage haben sich die meisten sicher schon in ihrer Schulzeit gestellt. Bei Grammatikübungen, Matheaufgaben oder der Geschichte der Merowinger hat sich doch jeder irgendwann einmal gefragt: Wofür brauche ich das?

Später, in der Ausbildung, im Studium oder im Job stellt man sich die Frage zwar auch gelegentlich, aber der Drang, sich gegen eine Tätigkeit, die einem sinnlos erscheint, aufzulehnen, ist weg. Sobald du nach der Schule eine bestimmte Richtung einschlägst, hast du ja bereits eine eigene Entscheidung getroffen. Somit bist du selbst verantwortlich für das Gelingen deines Lebenswegs. Also glaubst du, diesen Weg auch durchziehen zu müssen.

Obwohl heute die wenigsten ein Leben lang denselben Job machen, sind wir immer noch darauf gepolt, etwas „werden“ zu müssen. Und das bedeutet auch, dich für den Weg, den du gewählt hast, zu engagieren. In diesem Kontext kann sich der innere Schweinehund auch einfach als gesunder Menschenverstand erweisen.

Wenn du dich nicht aufraffen kannst, passiert das manchmal auch deshalb, weil sich dir der Sinn dessen, was du tust, nicht erschließt. Ob Universitäten oder Firmen, oft handelt es sich bei diesen Einrichtungen um eingespielte Systeme mit festen Abläufen. Dinge werden häufig auf dieselbe Weise gemacht, einfach, weil „das schon immer so war“. Aber was früher vielleicht mal funktioniert hat, muss heute nicht unbedingt noch die passendste Lösung sein.

Deshalb: Statt dich zu zwingen, dich zu einer Tätigkeit aufzuraffen, weil sie halt so gemacht wird, schenke deinem inneren Schweinehund ein offenes Ohr. Frage ihn, was er bräuchte, um Lust auf diese Aufgabe zu bekommen. Oder was er stattdessen gerne tun würde. Vielleicht hat er eine zündende Idee, die nicht nur dir, sondern auch deinen Mitmenschen diese Aufgabe erleichtert oder vielleicht sogar erspart.

3. Der Angst entgegentreten

In vielen Artikeln, Blogs oder ähnlichem zum Thema „innerer Schweinehund“ wird beschrieben, dass er häufig dann auftritt, wenn du gezwungen bist, deine Komfortzone zu verlassen. Soll heißen: Die Situation erfordert es, dass du etwas tust, was dir unangenehm, peinlich oder einfach völlig neu ist. Allein an diese Situation zu denken, löst in dir schon Abneigung aus und am liebsten möchtest du den Kopf in den Sand stecken. Dein innerer Schweinehund sorgt deshalb dafür, dass du dich so wenig wie möglich mit der anstehenden Aufgabe beschäftigst.

Nimm ihm das nicht übel. Er möchte dich schützen. Das ist meiner Meinung nach kein Grund, ihn gleich zu bekämpfen. Im Gegenteil. Gerade hier kann es hilfreich sein, sich genauer mit ihm zu beschäftigen. Tätschle ihm einfach den Rücken und frag ihn, was genau ihn an dieser neuen oder unangenehmen Aufgabe Sorgen bereitet. Vielleicht ist es eine Situation, in der er früher bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat. Eine ähnliche Aufgabe ist ihm schon einmal misslungen. Oder er hat so etwas noch nie gemacht und hat Angst, DASS ihm die Aufgabe misslingen könnte.

Stell ihm und dir die Frage: Was kann schlimmstenfalls passieren? Wirst du danach dein Leben weiterleben können? Werden die Menschen, die dich lieben, das auch noch tun, wenn das Schlimmste eintritt? Ich würde behaupten, dass beide Fragen in 99,99% der Fälle mit Ja beantwortet werden können. In diesem Fall überlege dir einfach, was du brauchst, um dir die Aufgabe so angenehm wie möglich zu gestalten. Es ist erlaubt, Fragen zu stellen. Es ist erlaubt, Fehler zu machen oder andere um Hilfe zu bitten. Dadurch wirst du kein weniger wertvoller Mensch. Und wenn tatsächlich der schlimmste Fall eintreten sollte, dann weißt du zumindest fürs nächste Mal, was du anders machen kannst.

4. Will ich das wirklich?

Wie in 2. bereits beschrieben, neigen wir häufig zu dem Glauben, dass wir dem Weg, den wir nach der Schule eingeschlagen haben, auch folgen müssen. Sonst giltst du vielleicht als wankelmütig oder unzuverlässig. Oder du musst nochmal etwas völlig anderes lernen, obwohl du bereits einen Beruf erlernt hast.

In unserer Jugend entwickeln wir erstmals eine gewisse Vorstellung von uns selbst, vom Leben und von der Welt. Bestimmte Dinge erscheinen uns als besonders erstrebenswert oder einfach als cool, so dass wir glauben, genau das auch machen zu wollen. Unsere Familien oder Freunde setzen ebenfalls bestimmte Erwartungen in uns und oft glauben wir, dass wir diese Erwartungen nicht enttäuschen dürfen.

Doch erst, wenn wir eine bestimmte Richtung eingeschlagen haben und uns darin ausprobieren, können wir feststellen, ob uns das auch wirklich liegt, ob es uns Spaß macht oder ob es doch ganz anders ist, als wir es uns vorher vorgestellt hatten. Ein Beispiel: Du stehst kurz vor deinen Abschlussprüfungen. Wenn du diese bestehst, wirst du in genau dem Job arbeiten, auf den du nun so lange hingearbeitet hast. Du hast es fast geschafft – aber aus irgendeinem Grund lässt dein innerer Schweinehund es nicht zu, dass du dich auf deinen Hosenboden setzt und lernst.

Statt dazu überzugehen, dir wegen deiner Faulheit Vorwürfe zu machen, frage dich einmal: Was passiert, wenn du die Prüfungen erfolgreich abschließt? Siehst du dich wirklich in deinem zukünftigen Job? Freust du dich darauf, endlich loszulegen? Oder hast du nach der Schule einfach mal das gemacht, was dir als sicherer Weg erschien? Was du vielleicht schon immer gut konntest oder was ein sicheres Einkommen bedeutet? Stell dich dir in deiner zukünftigen Tätigkeit vor. Was hast du an? Wie wirst du aussehen? Wie wird dein Arbeitsplatz aussehen? Was genau wirst du dort tagtäglich tun? Und dann frage dich: Will ich das wirklich?

Wenn du die Frage mit Ja beantwortet hast, lies noch einmal Punkt 3. Es kommt etwas Neues auf dich zu. Und dein innerer Schweinehund möchte dich vielleicht einfach davor beschützen, auf die Nase zu fallen. Doch auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Versuch es einfach. Dein Leben geht auch weiter, wenn du Fehler machst – und gerade dann lernst du besonders effektiv, wie du es beim nächsten Mal besser machen kannst.

Hast du die Frage mit Nein beantwortet? Dann brauchst du nicht in Panik geraten. Dein bisheriger Weg war sicher nicht umsonst. Überleg mal: Was hat dir in den letzten Jahren besonders Freude bereitet? Wann warst du besonders glücklich, wenn dir etwas gut gelungen ist? Was hast du als Kind total gerne gemacht? Welche Werte und Ziele waren dir schon immer wichtig? Wenn dir etwas Spaß macht, mach mehr davon. Wenn es etwas gibt, was dich am Abend zufrieden einschlafen lässt, tu es. Und vor allem: Hör auf deinen inneren Schweinehund: Lass dir Zeit. Nach der Schule wird von vielen erwartet, sich schnell für eine bestimmte Richtung zu entscheiden. Diesmal kannst du es wachsen lassen und auf dich selbst hören.

 

Du siehst: Dein innerer Schweinehund ist ein treuer Begleiter. Wenn du ihm zuhörst, wird er dich mit deinen Ängsten konfrontieren. Manchmal bringt er dich dazu, Fehler zu machen, wenn du eigentlich alles perfekt machen möchtest. Manchmal hält er dich davon ab, Dinge zu tun, die sinnlos oder überflüssig sind. Oder möchte dich vor Fehlern bewahren. Es lohnt sich auf jeden Fall immer, ihn zu fragen, warum er ausgerechnet jetzt auftaucht. Dann kann er dir dabei helfen, herauszufinden, wer du bist und was du willst.

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